Wenn es dunkel wird, kann ich ihn sehen. Ganz weit drüben, auf der anderen Seite, und ich stelle mir vor, wie sein Gesicht gerade aussehen mag. Er steht einfach da, regungslos, nicht weit vom Fluss entfernt, und sieht den Gleisen nach. Wie blanke Köder einer unbekannten Ferne liegen sie vor ihm, von schwermütigen Göttern herabgegossen in eine welke Daguerreotypie. Zwielicht umgibt ihn, während hinter den Zügen die Lichter verwehen. Sand und Steinsplitter nadeln in sein Gesicht, er hört die Rufe eines Krähenschwarms. Am Horizont trotten Wanderer dahin, berührt von einer fernen Stimme. Schatten verbergen ein erhitztes Paar; junge, unbenutzte Menschen, die eine kleine Wärme teilen. Summende Oberleitungen, endlose Reihen von Waggons, rostende Masten im Abendlicht. Winzige Pfoten huschen davon, eine magere Katze schleicht durch das feine Kreiseln der Staubröhren. Unter rußigen Arkaden geht er entlang: Vincent, mit Blitzen im Kopf. Weggeschlossene Geschichten, an verlorene Gestalten gekettet. Piraten auf dem Schulhof. Die besten, die allerbesten Zeiten. Worte, die ihn verfolgen. Vergangenes Leuchten. Verfestigte Spuren im gefrorenen Boden. Überkritzelte Hoffnungen, Erinnerungen, sorgsam verwahrt, und immer wieder seine Schritte, die hierher gehören wie der Glockenschlag des Kirchturms.
     Lauscht darauf. Lauscht auf seinen Schritt und verengt die Augen, um in die Lichter seiner Stadt zu sehen. Betrachtet seine Silhouette in der Ferne, die aus dem Gleißen tritt, euch entgegen. Betrachtet den Himmel, der hinter seinem Rücken explodiert. Feuer verbrennen die Dunkelheit, Funken prasseln herab, verglimmen auf den Wegen. Blitze schlagen grelle Narben in die Nacht, die Stadt donnert und dröhnt, sie bäumt sich auf in einem dichten Netz aus Rauch. Glockengeläut hallt durch die Straßen, das Geschrei der Raketen, die Sirenen der Feuerwehrwagen, und alle ruhelosen Augen werden hinaufgezerrt zu den Blüten des Feuerwerks. Es ist Silvester, und als feierte das Fest sich selbst, gestattet es niemandem, sich zu entziehen. Auch nicht dem Wanderer, der euch entgegen kommt. Bald ist er nahe, bald könnt ihr ihn erkennen - falls ich meine Sache gut mache. Denn ich will euch von ihm erzählen. Von ihm und Lara und von Elias und Tito, von Eric und Maria, von Robert, Greta, James, Henri und nicht zuletzt - von mir.
     Unsere Geschichte ist mit den Schatten verwoben, sie hockt zwischen Nacht und Finsternis und wartet. Ihre Konturen sind in die Mauern dieser Stadt geritzt, sie spiegelt sich auf dem Wasser des Flusses. Auf einmal schüttelt sie den Staub ab, und wir verstricken uns, wie man sich in alte Briefe verstrickt, auf der Suche nach etwas ganz anderem. Unter dem Schein der von Ungeziefer umschwirrten Laternen hat sie sich zugetragen, hier, auf unseren Straßen, vor dieser schäbigen, immer gleichen Kulisse, von der wir alle uns nicht losreißen können. Irgend jemand müsste sie einfach mal erzählen, habe ich gedacht. Warum sollte ich es nicht versuchen? Immerhin war ich von Anfang an dabei.
     Einige ziemlich merkwürdige Gestalten werden euch begegnen. Das lässt sich nicht vermeiden, nicht in einer Geschichte aus unserer Gegend. Nehmt es mir nicht übel, wenn ich ihnen ab und zu ein bisschen schmeichele. Ich bin schon lange hier und fürchte, dass ich längst selbst eine merkwürdige Gestalt geworden bin.
     Widmen, wenn ihr erlaubt, widmen möchte ich diese Geschichte ihm, Vincent, von dem hier die Rede sein soll. Ihm und allen anderen, die sich erkennen.
     Seid gewarnt, denn verstanden habe ich Vincent nie. Ihn nicht und die anderen nicht und mich selbst sowieso nicht. Ich weiß nicht, was uns in dieser Gegend hält, und darum will ich auch gar nicht erst versuchen, es euch zu erklären. Ich erzähle einfach, wie sich alles zugetragen hat, und wer weiß, vielleicht kann sich ja einer von euch einen Reim darauf machen. Freuen würde es mich, das könnt ihr mir glauben, und womöglich könnt ihr es mich eines Tages mal wissen lassen. Ich bin ja immer hier.


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